Islamismus

Islamismus ist ein Sammelbegriff für unterschiedliche Strömungen, dessen politisch-historische Ursprünge in den islamischen Reformbewegungen des 19. Jahrhunderts und politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts liegen. Der Islamismus ist eine politische Ideologie, dessen Ziel es ist, sowohl das gesellschaftliche Leben als auch die politische Ordnung nach ihrem Islamverständnis zu gestalten.

„Beim Islamismus handelt es sich um Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden.“ (Tilman Seidensticker: Islamismus: Geschichte, Vordenker, Organisationen)

Zentrale Motive des Islamismus sind neben einer Verabsolutierung des Islam auch die Idee des Deutungsmonopols und ein Alleinvertretungsanspruch. Die wörtlich interpretierte Scharia dient hierbei als Gesetzesgrundlage, was gegen die freiheitlich demokratischen Grundwerte beispielsweise der Bundesrepublik Deutschland (u.a. Meinungs- und Religionsfreiheit) verstößt.

Zentrale Merkmale der fundamentalistischen Ideologie sind:

  • Absoluter Wahrheitsanspruch
  • Gottessouveränität als Legitimationsgrundlage
  • Ablehnung der demokratischen Grundordnung
  • Die Steuerung der Gesellschaft im Namen des Islam
  • Fanatismus und Gewaltbereitschaft als Potentiale

Islamismus und Islam

Der Islamismus ist nicht mit der Religion des Islam gleichzusetzen. Im Gegensatz zur großen Weltreligion ist der Islamismus eine Form des religiösen Extremismus und als ein Phänomen des politischen Fundamentalismus zu verstehen, wobei die Religion der Instrumentalisierung und der Legitimation dient. Die undifferenzierte Begriffsverwendung und die Wahrnehmung des Islams als Bedrohung äußern sich zunehmend als antimuslimischer Rassismus in der Gesellschaft.

Salafismus

Der Salafismus, welcher dem Islamismus zuzuordnen ist, stellt eine sehr konservative und rückwärtsgewandte Strömung dar. Der Begriff der salafiyya stammt ursprünglich vom arabischen Wort salaf (wörtl. „Altvorderer/Vorfahre“) ab.

Der Salafismus orientiert sich an den Lebzeiten des muslimischen Propheten Muhammad und seinen Gefährten und ihren unmittelbaren zwei Nachfolgergenerationen. Innerhalb der Bewegung gibt es verschiedene Gruppierungen mit unterschiedlichen Meinungen zu wesentlichen Themen wie der Gewaltanwendung, dem Abfall vom Glauben oder der politischen Partizipation.

Die reformorientierte und ursprüngliche Strömung der salafiyya entstand in der Zeit der Hochphase europäischer Kolonialisierungspolitik im Nahen und Mittleren Osten gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Antwort auf die westliche kulturelle, politische und wirtschaftliche „Bedrohung“. Die Denker zu dieser Zeit vertraten die Meinung, dass die Rückbesinnung auf das Zeitalter des Propheten Muhammad nicht im Widerspruch zur Akzeptanz westlicher Modelle und deren Nachahmung stünde.

Im Gegensatz dazu lehnt die sehr konservativ ausgelegte und orthodoxe Bewegung jegliche kulturellen und religiösen Neuerungen strikt ab. Der heutige Salafismus wurde stark durch den sogenannten „Wahhabismus“ geprägt, einer im 20. Jahrhundert entstandenen Erneuerungsbewegung. Anhänger des „Salafismus“ erachten es als sehr wichtig, dem Vorbild des Propheten unverfälscht zu folgen

Innerhalb der salafistischen Strömung herrschen Spannungen und ein gewisses Dilemma, inwiefern der Salafismus puristisch oder aktivistisch ist bzw. sein soll. In der Salafismus Bewegung werden drei Hauptströmungen unterschieden:

  • der puristische Salafismus,
  • der politische Salafismus,
  • sowie der jihadistische Salafismus.

Die Puristen streben danach ein „gottgefälliges“ Leben zu führen, indem sie sich möglichst nah am Leben ihrer Vorbilder orientieren. Sie leben ihren Glauben im privaten Raum, betonen die nicht gewalttätigen Methoden und gelten damit als sehr zurückgezogen.

Der politische Salafismus ist eine weitere Spielart des Islamismus, deren Ziel es ist, auf Grundlage salafistischer Glaubensgrundsätze ein islamisch-politisches System zu etablieren. Durch aktives Missionieren erreichen diese eine höhere Aufmerksamkeit.

Während der politische Salafismus Gewalt im Grunde ablehnt, betrachten Dschihadisten deren Einsatz als legitimes Mittel zur Erreichung ihrer politischen Ziele.

Die Übergänge zwischen den Strömungen sind dabei fließend. Abgesehen von unterschiedlichen Auffassung über die Legitimation von Gewalt sind antidemokratische und menschenfeindliche Einstellungen eine der Gemeinsamkeiten der salafistischen Ideologie (Abwertung von Andersgläubigen, Absolutheitsanspruch, Anti-pluralistisch, dualistisches Weltbild, Geschlechterbild etc.).

Hinwendungsmotive

Als eine universelle Bewegung, d.h. unabhängig von Herkunft und sogenanntem „Migrationshintergrund“, bietet der Salafismus Anknüpfungspunkte insbesondere für Jugendliche mit Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen. Der extremistische Salafismus bietet Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf der Perspektivsuche einfache Erklärungsmuster für globale Ungerechtigkeiten, die eine schnelle Ideologisierung begünstigen, sowie das Gefühl, in einer exklusiven, solidarischen Gemeinschaft mit verlässlichen Strukturen nützlich sein zu können, in der man „gemeinsam“ für „Gerechtigkeit“ kämpft.

Durch die Verwendung von neuen Methoden der Ansprache (u.a. Jugendsprache), Einbindung jugendkultureller Elemente, modernen Inszenierungen und Vereinfachung der Lehre ist der Salafismus besonders attraktiv für junge Menschen zwischen 15 und 30 Jahren.

Die Arbeit des Multikulturellen Forums im Kontext von Islamismus

Als demokratisch ausgerichtete und pluralistisch orientierte Einrichtung lehnt das Multikulturelle Forum jegliche Form von Islamismus ab. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in Vermittlung von Wissen und Handlungskompetenzen zur Prävention extremistischer und demokratiefeindlicher Einstellungen und Verhaltensweisen.

So arbeiten wir im Präventionsprogramm Wegweiser im Bereich der primären und sekundären Prävention gegen Islamismus bzw. gewaltbereiten Salafismus. Unsere präventiven Ansätze beinhalten sowohl inhaltliche Auseinandersetzungen mit demokratie- und menschenfeindlichen Einstellungen als auch die Förderung eines reflektierten Umgangs mit Fragen von Religion, Identität und Zugehörigkeit.

Zudem ist die Stärkung von sozialen und kommunikativen Kompetenzen u.a. im Umgang mit gesellschaftlichen und kulturellen Unterschieden sowie individuelle Hilfestellungen in persönlichen und familiären Konfliktlagen zentrales Anliegen im Beratungsprozess. In der pädagogischen Arbeit spielt Anerkennung und Wertschätzung der Jugendlichen eine besonders wichtige Rolle, die Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen berücksichtigen sowie ein ressourcenorientierter Beratungsansatz, der es den Jugendlichen ermöglicht Empathie und Perspektivwechsel als auch eigene Kompetenzen zu erkennen und zu stärken.

 

Quellen

Bauknecht, Bernd Ridwan: Salafismus – Ideologie der Moderne, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 29/2015. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Borchard, Michael; Senge, Katharina (Hrsg. im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung) (2011): Islamismus!? Eine Handreichung für Pädagoginnen und Pädagogen

Ceylan, Rauf; Kiefer, Michael: Salafismus. Fundamentalistische Strömungen und Radikalisierungsprävention, Wiesbaden: Springer VS. 2013

Kiefer, M., Hüttermann, J., Dziri, B., Ceylan, R., Roth, V., Srowig, F., Zick, A. (2018): „Lasset uns in shaʼa Allah ein Plan machen“ Fallgestützte Analyse der Radikalisierung einer WhatsApp-Gruppe. Wiesbaden:  Springer VS

Meijer, Roel: Global Salafism. Islam’s New Religious Movement. London 2014.

Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen (2015): Extremistischer Salafismus als JugendkulturSprache, Symbole und Style.

Seidensticker, Tilman: Islamismus. Geschichte, Vordenker, Organisationen. München 2016.

Ufuq (2015): Protest, Provokation oder Propaganda? Handreichung zur Prävention salafistischer Ideologisierung in Schule und Jugendarbeit

Wiktorowicz, Quintan: Anatomy of the Salafi Movement. Washington D.C. 2006.

 

Angebote

  • Frau hängt Karte mit der Aufschrift "Prävention" an eine Pinnwand, vier junge Workshopteilnehmende schauen zu
    © Isabella Thiel

    Workshops und Seminare im Bereich Gesellschaft und Prävention

    Auswahl von Workshops zur Demokratiebildung und Präventionsarbeit im Bereich der Jugendarbeit, die das Multikulturellen Forum in Schulen, (Jugend-)Vereinen und anderen Einrichtungen auf Nachfrage durchführt.
    Standorte Lünen Hamm Dortmund Düsseldorf Bergkamen Köln

Vergangene Angebote

  • Post-it mit Frage "Haben Sie den Durchblick?", erhobener Zeigefinger links im Bild

    Dortmunder Durchblick

    Das Projekt „Dortmunder Durchblick – Gemeinsam gegen Radikalisierung“ will genau hier für Durchblick sorgen: Multiplikator*innen in der Jugendarbeit sollen sensibilisiert werden für Radikalisierungen und begünstigende Faktoren.
    Standorte Dortmund

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