Antisemitismus

Antisemitismus wird im Allgemeinen als Feindschaft gegen Juden und Jüdinnen definiert und umfasst verschiedene Erscheinungsformen.

 „Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“ (Adorno, 1951, S.200)

Denn Antisemitismus hat mit der Alltagswirklichkeit von Juden und Jüdinnen nichts zu tun und er ist auch nicht an ihre physische Anwesenheit gebunden. Antisemitismus speist sich aus jahrhundertealten judenfeindlichen Mythen und Vorurteilen. Als „fremdes“ und „eigenartiges“ Kollektiv dienen die Juden als Projektionsfläche für gesellschaftliche Probleme und Veränderungen.

Unterschied zu Rassismus

Während Rassismus die Unterlegenheit der „Anderen“ betont, unterstellt Antisemitismus eine jüdische Übermacht und erklärt sich Gesellschaft durch das vermeintliche Wirken von Juden. Er bietet damit eine sinnstiftende Welterklärung an. Im Rassismus werden die Objekte des Hasses selten mit Geld, Bildung und Macht assoziiert, sondern im Gegenteil mit Primitivität und Mangel an Intelligenz.

„Die phantasmatische Figur des Juden nimmt im antisemitischen Denken weder den Ort des Wir noch den des Anderen ein, sondern gilt als ominöser, ungreifbarer Feind jeder Ordnung, als „Weltfeind“ und nicht als „‘normale‘ Nation, Rasse oder Religion “ (Messerschmidt, 2017).

Dieses Spezifikum unterscheidet Antisemitismus von anderen Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Antijudaismus

Die älteste antisemitische Ausdrucksform ist der religiös begründete Antijudaismus. Der sogenannte christliche Antijudaismus setzte schon in der ausgehenden Antike ein und prägte das europäische Mittelalter und die frühe Neuzeit.

Der religiös begründete Antisemitismus legte gewissermaßen die Grundlagen für alle folgenden Erscheinungsformen, auch die aktuellen. Denn die gängigen antisemitischen Zuschreibungen speisen sich immer noch hauptsächlich aus dem Antijudaismus. Die in dieser Zeit entstanden Verschwörungsmythen, wie der Verrat an Jesus, der Mythos der Hostienschändung oder die Ritualmordlegende, sind heute noch Grundlage für antisemitische Stereotype und Codes.

Rassistischer Antisemitismus

Der rassistische Antisemitismus bezeichnet eine Form, die besonders prägnant zum Ende des 19. Jahrhunderts auftrat und vermeintlich „wissenschaftliche“ Erkenntnisse der Naturwissenschaften heranzieht, um den Judenhass zu begründen.

Diese Form richtet sich nun nicht mehr nur gegen das Judentum als religiöse Gemeinschaft, sondern konstruiert eine homogene „jüdische Rasse“. Physiognomische Merkmale wie die Hakennase, wulstige Lippen, gekrümmte Haltung werden der „jüdischen Rasse“ zugeschrieben und sollen sie „erkennbar machen“. Diese Form wird unter den Nationalsozialisten zur Staatsdoktrin erhoben und mündet mit dem Holocaust in der systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. 

Sekundärer Antisemitismus

Antisemitische Einstellungen trotz oder wegen des Holocausts bezeichnet man als sekundären Antisemitismus. Unter sekundärem Antisemitismus fasst man alle Ausdrucksformen, die zum Ziel haben, den Holocaust und die Verfolgung der Juden zu leugnen oder zu relativieren. Forderungen nach einem „Schlussstrich“ unter die Verbrechen der Nationalsozialisten und der Beendigung des „Schuldkultes“ sind gängige Argumentationsmuster, welche dem sekundären Antisemitismus zugeordnet werden können.  

Nahostkonflikt als Projektionsfläche

Eine weitere aktuelle Erscheinungsform des Antisemitismus ist der israelbezogene oder auch antizionistische Antisemitismus. Die Frage danach, wo legitime Israelkritik aufhört und Antisemitismus anfängt, ist sowohl in der allgemeinen Öffentlichkeit als auch in der Forschung ein viel diskutiertes Thema.

Die Schlüsselfrage ist nicht, ob Kritik an Israel „erlaubt“ ist, sondern, ob Kritiker*innen ein kritisch-differenzierendes oder aber ein extrem verzerrtes und einseitiges Bild zeichnen, in dem Israel als jüdisches Kollektiv gedacht wird. Antisemitismus im Mantel der Israelkritik wird auch dann deutlich, wenn beispielsweise im Sprechen über Israel Jahrhunderte alte antijüdische Stereotype auf Israel projiziert oder das Vorgehen Israels mit den Verbrechen der Nationalsozialisten gleichgesetzt wird.

Erscheinungsformen der Gegenwart

Die verschiedenen Erscheinungsformen treten im öffentlichen Diskurs vermischt und in Kombination auf. Das alle Formen verbindende Element ist die historische Kontinuität der antisemitischen Vorurteile, welche seit Jahrhunderten reproduziert werden.

Die aktuelle Mitte-Studie (Zick/Küpper/Berghan, 2018) zeigt auf, dass besonders die aktuellen und subtileren Formen Zustimmung aus der Bevölkerung erhalten. Rund ein Viertel der Befragten stimmen israelbezogenen antisemitischen Aussagen zu.

Oftmals werden Jüdinnen und Juden nicht explizit benannt, sondern es wird mit Andeutungen und Codes gearbeitet. Das Judentum wird seit jeher mit Macht und Einfluss in Verbindung gebracht. Dabei werden komplexe gesellschaftliche Verhältnisse und krisenhafte Erscheinung auf das angeblich bewusste Wirken „der Juden“ zurückgeführt. Der Wunsch nach einer widerspruchsfreien Gesellschaft bzw. einem klaren Feindbild, machen jüdische Verschwörungsmythen anschlussfähig.

Antisemitismus kann so zu einem geschlossenen Weltbild werden. Aktuelle Studien belegen, dass Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft nach wie vor ein weit verbreitetes und gesamtgesellschaftliches Problem darstellt. Rund 20 Prozent der Bevölkerung zeigt demnach antisemitische Tendenzen (vgl.Zick/Küpper/Berghan, 2018). Die neuen Medien und die grenzenlosen Möglichkeiten der Verbreitung von antisemitischen Inhalten und Verschwörungsmythen sind ein wichtiger Faktor, wenn es um die Frage geht, warum Antisemitismus heute immer noch ein gesellschaftliches Querschnittthema darstellt.

Die Zahl der antisemitischen Straftaten hat im Jahr 2018 weiter zugenommen, um ca. 10% stieg die Zahl im Vergleich zu 2017. Laut Innenministerium waren knapp 90 Prozent der 1.799 antisemitischen Straftaten des vergangenen Jahres rechtsmotiviert. Auch an den Schulen ist eine Zunahme von antisemitischen Anfeindungen und Übergriffen zu verzeichnen.

Antisemitismuskritische Bildungsarbeit

Aus dieser Differenz und der damit zusammenhängenden Erfahrung, dass sich bewährte Konzepte aus der rassismuskritischen Bildungsarbeit nur begrenzt auf Antisemitismus übertragen lassen, ergab sich vor etwas mehr als zehn Jahren die Notwendigkeit antisemitismuskritische Bildungsarbeit als eigenständigen Lernbereich zu etablieren (vgl. Stender, 2011, S.36-54).

Das Multikulturelle Forum e.V. bietet Workshopreihen, Seminare und Bildungsangebote im Bereich der politischen Bildung an. Zu den Themenschwerpunkten zählt neben Antisemitismus auch die Begegnungspädagogik.

Der Verein konzipiert seine Bildungsangebote und Maßnahmen teilweise durch eigens entwickelte Methoden. Neben der Durchführung von Workshops an Schulen und in der außerschulischen Jugendarbeit (Vereine, Begegnungsstätten, Jugendorganisationen) ermöglicht das Multikulturelle Forum Jugendlichen und jungen Erwachsenen Begegnungen und intensiven Austausch mit Jugendlichen anderer religiöser Gemeinden. 

Einen weiteren Baustein bildet die Erinnerungsarbeit. Hier ermöglichen wir u.a. Gespräche mit Zeitzeug*innen begleiten junge Menschen nach intensiver Vorbereitung Gedenkstätten und Dokumentationszentren. 

Darüber hinaus bilden wir Multiplikator*innen aus, die dazu befähigt werden, Teamer*innen eigener Workshops anzubieten.

 

Quellen

Adorno,Theodor W. (1951): Minima moralia, Frankfurt.

Messerschmidt, Astrid / Mendel, Meron (2017): Fragiler Konsens. Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft.

Stender, Wolfram (2011): Antisemitismuskritische Bildungsarbeit. Forschungsstand und Perspektiven, in: W. Benz (Hg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. 20, Berlin.

Zick, Andreas / Küpper, Beate / Berghan, Wilhelm (2018): Verlorene Mitte - Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19, Hg. für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Franziska Schröter, Bonn.

Angebote

  • Frau hängt Karte mit der Aufschrift "Prävention" an eine Pinnwand, vier junge Workshopteilnehmende schauen zu
    © Isabella Thiel

    Workshops und Seminare im Bereich Gesellschaft und Prävention

    Auswahl von Workshops zur Demokratiebildung und Präventionsarbeit im Bereich der Jugendarbeit, die das Multikulturellen Forum in Schulen, (Jugend-)Vereinen und anderen Einrichtungen auf Nachfrage durchführt.
    Standorte Lünen Hamm Dortmund Düsseldorf Bergkamen
  • Kameralinse in grau-sepia, darüber rotes Banner mit "Objektiv. Junge Medienmacher mit Durchblick"

    Objektiv – Junge Medienmacher mit Durchblick

    Mit speziell entwickelten Workshop-Formaten möchten wir den Blick dafür schärfen, inwiefern und auf welche Weise in verschiedenen Medienformaten jüdische Klischees, Stereotype, Vorurteile und Antisemitismen verbreitet werden. Zielgruppe: junge Menschen zwischen 16 - 27 Jahren.
    Standorte Dortmund
  • Post-it mit Frage "Haben Sie den Durchblick?", erhobener Zeigefinger links im Bild

    Dortmunder Durchblick

    Das Projekt „Dortmunder Durchblick – Gemeinsam gegen Radikalisierung“ will genau hier für Durchblick sorgen: Multiplikator*innen in der Jugendarbeit sollen sensibilisiert werden für Radikalisierungen und begünstigende Faktoren.
    Standorte Dortmund
  • Von Abraham bis Zuckerfest – Titelbild

    Von Abraham bis Zuckerfest

    Das Glossar ist pädagogisches Arbeitsmittel im Rahmen des Projekts „Objektiv“. Es bietet Orientierung und Information über die verschiedenen Abraham-Religionen und dient dazu, Bekanntes richtig einzuordnen und Neues zu entdecken.
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